Radsport: Die große Schwester und die Bergziege

Radsport Bergziege

Ludwigshafener Rundschau vom 25.03.2020

Die große Schwester und die Bergziege

Radsport: Anne und Paul Slosharek gehören zu den vielversprechendsten Talenten in Rheinland-Pfalz. Die beiden Ludwigshafener haben ihr Leben dem Leistungssport untergeordnet. Beide besuchen die Eliteschule des Sports, das Heinrich-Heine Gymnasium, in Kaiserslautern. Doch momentan ist alles anders.

LUDWIGSHAFEN. Aktuell müssen sich Anne und Paul Slosharek an eine neue Situation gewöhnen – aus zwei Gründen. Wegen der Corona-Krise ist die Schule in Kaiserslautern geschlossen, aber auch die sonst gewohnten gemeinsamen Trainingseinheiten fallen weg. Deshalb sind die beiden jungen Radsportler, die zu den Besten ihres Jahrgangs in Rheinland-Pfalz zählen, wieder ins Elternhaus auf die Parkinsel in Ludwigshafen zurückgekehrt. Statt im Internat des Heinrich-Heine-Gymnsiums (HHG) in der Westpfalz zu leben, dreht sich jetzt alles um den Sport in der häuslichen Umgebung.Das ist nicht ganz einfach. Denn die Eltern Peggy und Martin Slosharek sind beruflich sehr stark eingebunden – auch, vielleicht gerade, in der Corona-Krise. Mutter Peggy arbeitet bei der Sparkasse Vorderpfalz in Ludwigshafen in einer verantwortlichen Funktion im Kreditgeschäft. Vater Martin ist fernab von der Heimat als Bereichsleiter der Nord-Ostsee Sparkasse in Flensburg tätig. Da ist nicht nur jetzt ein besonderes Familien-Management gefordert. „Es ist bei uns nicht anders, als bei vielen anderen Familien. Unsere Kinder sind seit der Unterbringung im Internat auch viel selbstständiger geworden“, erzählt Peggy Slosharek. Sie freut sich dann umso mehr, wenn ihre Kinder und ihr Ehemann an den Wochenenden zu Hause sind und sie gemeinsam mit ihnen zu den Rennen fahren. Denn der Radsport ist inzwischen ein fester Teil ihres Freizeitlebens geworden. Sie engagieren sich auch darüber hinaus. Martin Slosharek ist als lizenzierter Radsporttrainer auch Fachwart Rennsport beim RSC Linden, der in diesem Jahr wieder die deutschen Meisterschaften im Bergfahren am 17. Mai ausgerichtet hätte. Er begleitet auch seine Kinder aktiv im Training. „Da wir jetzt schon eine Weile zu Hause sind, ist das Training etwas ungewohnt. Es ist anders, als in einer Gruppe mit anderen leistungsstarken Fahrerinnen zu trainieren“, erzählt die 14 Jahre alte Anne Slosharek: „Die Umfänge und Intensitäten sind zwar gleich, aber es ist schon etwas ungewohnt, wenn ich alleine oder mit meinem Bruder trainiere.“ Steiler AufstiegDie junge Frau mit dem strahlenden Lächeln weiß, wovon sie spricht. Sie fand erst vor zwei Jahren den Weg zum Radsport. Zuvor ging sie regelmäßig zur Leichtathletik beim ABC Ludwigshafen. Seit dem Wechsel im vergangenen Sommer vom Carl-Bosch-Gymnasium ins Heinrich-Heine-Gymnasium haben sich nicht nur ihre Trainingsumfänge fast verdoppelt. Sie hat auch einen großen Leistungssprung vollzogen. Slosharek übersprang das neunte Schuljahr und wechselte direkt in die zehnte Klasse an das HHG. Dort fühlt sie sich sichtlich wohl, schätzt die Bedingungen vor Ort und wohnt mit Hannah Kunz einem Zimmer. Sie teilen sich sogar ihr zweites Hobby, das Reiten. „Dafür haben wir aber viel zu wenig Zeit“, sagt Slosharek. Sie gilt als besonders ehrgeizig, als eine Sportlerin, die fokussiert ihre Ziele verfolgt. Dabei befolgt sie auch den Leitspruch ihres Vaters Martin. Dieser wirbt bei seinem Arbeitgeber für Neugründer mit den Worten: „Für eine erfolgreiche Gründung braucht es ein klares Ziel und eine sorgfältige Vorbereitung, vor allem aber den Willen und die Leidenschaft, eine persönliche Idee zum Erfolg zu führen.“ So ist der individuelle Trainingsplan ihrer Trainerin Martina Haben derzeit ein ständiger Begleiter. „Auch wenn der Anfang am HHG nicht leicht war, habe ich diesen Schritt bis heute nicht bereut. Es ist das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Slosharek. 200 bis 260 Kilometer radelt sie in der Woche. Bei den deutschen Meisterschaften im Radcross in Albstadt Anfang Januar lag sie bis zur Schlussrunde auf Medaillenkurs, ehe sie nach einem Fahrfehler im tiefen Sand vom Rad musste und am Ende auf den vierten Platz rutschte. „Es war ärgerlich, dass es nicht für eine Medaille gereicht hatte. Im nächsten Winter will ich auf jeden Fall die Medaille“, sagt sie. Ihr Metier ist aber die Straße und ihre Stärken hat sie im Sprint. Dafür muss sie am Berg noch zulegen. „Mir fehlt auch noch ein wenig der Blick im Feld, um die richtige Entscheidung im Rennen zu treffen“, sagt sie selbstkritisch. Eine Eigenschaft, die ihre Vereinskameradin Jule Märkl, die amtierende deutsche Cross-Meisterin, besitzt. „Da kann ich von ihr noch was lernen“, sagt Anne Slosharek. Sie ist weiterhin optimistisch, dass sie ihre Ziele erreichen kann. Ihre Prioritäten liegen bei den Sichtungsrennen des Bund Deutscher Radfahrer. Dort hat sie sich ein besonderes Ziel vorgenommen: Sie will im ersten Jugendjahr unter den Top 15 landen. Ganz anders ist ihr vier Jahre jüngerer Bruder Paul. Er muss aktuell noch die allgemeine Grundausbildung im Radsport an der Schule meistern und trainiert deshalb auch nicht nach einem individuellen Plan. Er gilt aber mit seinen 36 Kilogramm als echte Bergziege, der seiner Schwester meistens bergauf davonfährt. Zunächst HeimwehPaul Slosharek fiel der Wechsel auf die neue Schule erst einmal nicht so leicht. Er hatte in den ersten Wochen Heimweh. Das hat sich mittlerweile gelegt und er ist an der Eliteschule des Sports in Kaiserslautern angekommen. „Wäre meine Schwester nicht ins Internat gewechselt, wäre ich nicht mitgegangen“, sagt Paul Slosharek. Der Schritt war gut vorbereitet. Vor seinem Wechsel von der Grundschule in die fünfte Klasse am HHG schnupperte er erst einmal in einer Probewoche. „Es ist schon eine große Umstellung, aber ich kann täglich mit Mama und Papa telefonieren. Ich wollte ja wegen des Sports wechseln“, sagt Paul Slosharek, der auch Tennis beim Park TC Ludwigshafen spielt und für den ABC Ludwigshafen bei Laufwettkämpfen startet. Einmal im Jahr ist die ganze Familie beim Sport gemeinsam aktiv – beim Last-Minute-Sportabzeichen. „Martin und mir war es wichtig, dass die Kinder selbst ihre Entscheidung für den Schulwechsel treffen“, sagt Peggy Slosharek. Nach fast acht Monaten in Kaiserslautern glaubt sie, dass der eingeschlagene Weg der richtige Schritt für ihre Kinder gewesen sei. Momentan aber plagt Paul kein Heimweh. Denn derzeit ist er zu Hause – wie auch seine Schwester Anne. Wegen der Corona-Krise sind die Schulen vorerst geschlossen. Wie lange das noch so sein wird, wissen sie nicht. So muss Anne Slosharek weiter für sich trainieren. Am Sonntag wäre eigentlich ihr Einstand beim Bundesliga-Rennen im südhessischen Einhausen gewesen. Der fiel aus. Stattdessen absolvierte Anne Slosharek wieder rund 70 Trainingskilometer in der Rhein-Neckar-Region mit ihrem Vater und Bruder. Denn irgendwann geht es auch mit den Wettkämpfen wieder weiter…